Wie geht es eigentlich Dirk Badack?

Den 43-jährigen gebürtigen Lausitzer hat es vor 20 Jahren, dem Ruf der großen Liebe folgend, nach Bayern verschlagen. Seit 2016 ist er Inhaber des „Reisestüberls“, das davor bereits über 20 Jahre von Marianne Kinzel geführt wurde. Nach mehreren Umzügen innerhalb des Ortes hat das Reisebüro seinen Platz in der Erdinger Straße gefunden. Dort können auch Bücher bestellt, Lotto gespielt, sowie Passbilder, Schreibwaren, Zeitschriften und Tabakwaren erworben werden. Zudem bietet Herr Badack einen Paketservice an.

Der erste Lockdown liegt nun über ein Jahr zurück. Wie hast du persönlich diesen Einschnitt in dein Geschäftsleben erlebt?
Es war - und ist - eine Vollkatastrophe. Durch die Maßnahmen entstand ein riesiges Chaos in der Touristikbranche, das beispiellos ist in der Geschichte. Die monetären Schäden gehen in die Milliarden. Eine ganz besondere Erschwernis für die Reisebüros war der Widerspruch der sofortigen Schließung per Anordnung, mit der gesetzlich verankerten Verantwortung, die wir für unsere Kunden haben. Neben dem Kampf um Kostenrückerstattungen standen wir zunächst in erster Linie den Urlaubern bei, deren Heimreise aufgrund der gestrichenen Flüge - mitunter sehr - erschwert war, und betreuten diese bis zu ihrer Heimkehr weiter. Darauf folgten die Rückzahlung der Provisionen. Das bedeutete für uns den Verlust der Einnahmen von über einem Jahr bereits geleisteter Arbeit.

Kannst du trotz der Verluste Verständnis für die Maßnahmen aufbringen?
Dass in Notsituationen Maßnahmen ergriffen werden müssen ist für mich absolut nachvollziehbar - solange der Nutzen dieser höher ist, als der Schaden, der damit angerichtet wird. Das konnte und kann ich nicht erkennen. Nach den Ereignissen zu Beginn des Jahres in China empfand ich es als sehr irritierend, dass es damals noch nicht zu Flugstreichungen gekommen war. Rückblickend eine Endlosschleife falscher Entscheidungen.

Aufgrund deines vielfältigen Angebots warst du nicht komplett von der Schließung betroffen.
Hat dir das geholfen, leichter mit der Situation umgehen zu können?

Der Kontakt zu den Kunden war eine große Hilfe – ein Hauch von Normalität, der mir damit erhalten blieb. Und auch wenn, vor allem zu Beginn des ersten Lockdowns, mitunter eine Verängstigung bei manchen Kunden zu spüren war, hatte ich doch den Eindruck, dass auch diese froh waren, weiter hier einkaufen zu können.

Wie lange wirst du deinen Laden, unter den momentanen Voraussetzungen, noch weiter am Leben erhalten können?
Vielleicht sechs Monate – im besten Fall ein Jahr. Das hängt von mehreren Faktoren ab, auf die ich keinen Einfluss habe. Zum einen, wie lange die Gemeinde und das Finanzamt sich in Form von Stundungen entgegenkommend zeigen, und zum anderen, wie sich das Reisegeschäft im kommenden Jahr entwickeln wird. Das Thema „Impfen“ wird dabei eine große Rolle spielen. Inwieweit eine Pflicht für Reisende durchgesetzt wird, und gemäß dem Fall, wie groß die Impfbereitschaft innerhalb Bevölkerung sein wird.

Hast du im vergangenen Jahr auch finanzielle Hilfe in Form der Überbrückungshilfe beantragt und erhalten?
Ja. Die Corona-Hilfe zur Überbrückung des Liquiditätsengpasses haben wir erhalten. Leider konnte diese aber bei weitem nicht unsere Kosten decken. Der Lohn aus einem Jahr Arbeit war schließlich unwiederbringlich zerstört. Und aufgrund der schwammigen Definition des Umsatzbegriffs für Reisebüros gestaltet sich die Beantragung weiterer Hilfen als sehr schwierig. Dazu braucht man einen tiefen Blick in das Steuerrecht. Die unterschiedlichen Definitionen, und somit fehlenden Richtlinien, erschweren uns den Nachweis der bis zu 90prozentigen Umsatzrückgänge, die wir zu vermelden haben.

Mangelnde Impfbereitschaft könnte für dich weitere Verluste bedeuten. Hast du Verständnis für Menschen, die dem Thema kritisch gegenüber stehen, und sich gegen eine Impfung
entscheiden?

Selbstverständlich! Jeder muss selbst abwägen, was er seinem Körper zuführen kann und möchte. Das schließt in meinen Augen mit ein, für die Entscheidung anderer Verständnis aufzubringen.

Wie beurteilst du die Lage der Tourismusbranche in der Zukunft?
Da es nicht absehbar ist, was sich die kommenden Monate ereignen wird, ist es schwierig, eine genaue Prognose über die Zukunft abzugeben. Allein die bisherigen Auswirkungen der Maßnahmen sprechen eine deutliche Sprache: Jeder 8. Arbeitsplatz in Deutschland hängt direkt oder indirekt mit dem Tourismus zusammen; in manch anderen Ländern ist es sogar jeder zweite. Um sich ein genaueres Bild über zu machen, kann ich nur empfehlen, sich mit den Statistiken über Auswirkungen auf Umsätze und Arbeitsplätze zu befassen. Jede Zahl, jeder Fall, ist ein Schicksal für sich. Mit weitreichenden Folgen - auch für Familie und Umfeld. Viele sind sehr verzweifelt, mit Ihrer Energie und den Nerven am Ende; stehen vor dem Nichts, und sehen trotz jahre - oder jahrzehntelanger Arbeit nurmehr einen Trümmerhaufen vor sich. Viele Arbeitsplätze gehen auch auf die Motivation seiner eigenen Berufung zu folgen zurück. Der Traum, dieser weiter nachgehen zu können, ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Existenz vernichtet, und kaum Perspektiven in Sicht.
Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erkennen, dass dies weitreichende Schäden der menschlichen Psyche und physischen Gesundheit zur Folge haben wird. Aus meiner Sicht sollte mit
mehr Weitsicht und Bedacht gehandelt werden, wenn der Gesundheitsschutz unser aller im Vordergrund steht.

Werfen wir nun noch einen Blick auf den Ort. Wie nimmst du die Atmosphäre wahr, und kannst du aufgrund der Ereignisse einen Zusammenhalt der Menschen untereinander
spüren?

Das ist eine sehr individuelle Sache. Im Großen und Ganzen weicht bei vielen die Angst und die Verunsicherung, und im Gegensatz zum ersten Lockdown hat sich in meiner Wahrnehmung die Stimmung weitgehend entspannt. Allerdings schrumpft bei einigen auch das Verständnis für die Maßnahmen. Leider ist mehr und mehr eine Spaltung innerhalb der Gesellschaft aufgrund von unterschiedlichen Ansichten zu spüren, was manche daran hindert, die sich ausbreitende Notsituation objektiv wahrnehmen zu können. Ich würde mir mehr menschliches Miteinander und gelebte Nächstenliebe wünschen.

Fühlst du dich in deiner Situation gesehen?
Neben der Unterstützung finanzieller Natur seitens der Gemeinde in Form der Stundungen, für die ich natürlich sehr dankbar bin, wäre es wohltuend, auch ein Interesse am tieferen Einblick in die gegenwärtige Situation wie die unsere, und den Schwierigkeiten, die wir Selbstständige haben, zu spüren. Vielleicht würde das den einen oder anderen dazu veranlassen, die Maßnahmen kritischer zu hinterfragen. Zudem würde ein Verzicht auf die Gewerbesteuer noch mehr Erleichterung verschaffen.

In der Situation psychischer Belastungen stecken jetzt viele. Was fehlt dir am meisten?
Soziale Kontakte außerhalb der Arbeit. Das Ausüben einiger Hobbys, wie zum Beispiel dem Vereinssport, der momentan nicht möglich ist.

Was hilft dir persönlich und was möchtest du anderen als Ratschlag mit auf den Weg geben, um sich in dieser Zeit von innen zu stärken?
Meine Leidenschaft für Fotografie und die damit verbundene Nähe zur Natur. Aber in erster Linie hilft mir natürlich die Nähe zur Familie und zu guten Freunden. Vieles von dem, was uns in dieser Zeit abtrainiert wird, gewinnt noch mehr an Bedeutung. Menschliche Nähe. Berührungen, Umarmungen. Damit stärkt man nicht nur Seele und Geist, sondern letztendlich auch den Körper – was ja sogar wissenschaftlich erwiesen ist. Die Angst, die uns diesbezüglich gemacht wird, ist meiner Meinung nach völlig destruktiv und kann sehr gefährlich sein. Da müssen wir, jeder für sich, in die Eigenverantwortung gehen.

Danke für das Gespräch.

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