Wie geht es eigentlich Kati Yilmaz?

Kati SHIRIN Yilmaz ist Erzieherin und Tänzerin/Lehrerin für orientalischen Tanz aus Leidenschaft. Sie ist Trägervertreterin des OASE Naturkindergartens, für den sie seit der Gründung 2003 arbeitet. 2018 hat sie ihr Hobby zu ihrem zweiten beruflichen Standbein gemacht und bietet neben ihrer Bühnentätigkeit Kurse für orientalischen Tanz für Klein und Groß, Anfänger bis Fortgeschrittene an. Seit dem ersten Lockdown ist Kati in beiden Berufen von den Maßnahmen betroffen: Der Naturkindergarten war während des ersten und zum Teil auch während des 2. Lockdowns geschlossen. Tanzkurse können derzeit nur online abgehalten werden und der Auftrittskalender ist seit langem leer.

In beiden Berufen plötzlicher Stillstand im März – ein massiver Einschnitt in dein abwechslungsreiches und ausgefülltes Leben. Wie hast du den ersten Lockdown erlebt?
Da Tanzstudios der Betrieb erst zeitverzögert untersagt wurde, musste ich selbst die Entscheidung treffen, ob ich meine Kurse weiterführen soll. Das war zu Beginn des Lockdowns die größte Belastung für mich. Zumal ich in dieser Zeit auch die Verunsicherung und Verängstigung einiger Menschen zu spüren bekam.
Als auch wir Tanzlehrer von den Schließungen betroffen waren, bin ich mit meiner Auftrittsgruppe zum Online-Training übergegangen, um die Vorbereitung auf die für Oktober geplante „Aladin“-Show im Bürgersaal nicht abreißen zu lassen. Ein dreiviertel Jahr Arbeit steckte bereits in dem großen Projekt, für das ich mit einer Kollegin sämtliche Choreographien selbst entworfen habe. Mit diesem großen Ziel vor Augen war ich vor einem Jahr noch sehr motiviert. Vor allem, weil ich im März letzten Jahres davon ausgegangen bin, dass wir das alles in ein paar Wochen überstanden haben, und alles wieder seinen gewohnten Gang gehen wird. Meine Naivität war also zunächst Hilfe – später waren die Folgen dann allerdings Enttäuschungen, vor denen ich mich jetzt zu bewahren versuche. Ich kann mir nicht vorstellen, dass derartige Projekte vor 2022 durchführbar sein werden. 

Wie und wann ging es mit deinen Kursen weiter?
Im Sommer – mit Tanzen unter Einhaltung der Abstandsregeln. Im Freien, aber auch in den gewohnten Räumlichkeiten, die glücklicherweise groß genug dafür sind. Da der orientalische Tanz kein Paartanz ist, mussten wir auch beim Training trotz der Maßnahmen keine großen Abstriche machen. Seit dem zweiten Lockdown biete ich, ausgenommen der Kurse für die Kinder, Online-Unterricht an.

Ist das Interesse an den Kursen zurückgegangen?
Ja, leider. Auch die Regelmäßigkeit der Teilnahme ging bei manchen zurück. Das hat viele Gründe. Die vorher dagewesene Begeisterung, trotz Lockdown weiter tanzen zu können, hatte bei einigen nachgelassen. Natürlich ist auch nicht in jeder Altersgruppe alles gleich gut umsetzbar. Dazu kommen die rein technischen Schwierigkeiten.

Inwieweit kann der Online-Unterricht den gewohnten Unterricht ersetzen?
Nur teilweise. Im Grunde nur eine Übergangslösung, die es nicht möglich macht, in der gewohnten Qualität weiterarbeiten zu können. Es schleichen sich leichter Fehler ein, da ein ebenso genauer Einblick in alle Bewegungen wie im normalen Unterricht natürlich nicht möglich ist. Trotzdem bin ich sehr motiviert damit weiterzumachen, um wenigstens auf diesem Weg weiterarbeiten zu können. Ich bin allen Schülerinnen sehr dankbar, die mich durch ihre Teilnahme unterstützen!
Was der Online-Unterricht am allerwenigsten ersetzen kann, ist das, was den orientalischen Tanz im Grunde ausmacht: Den Zusammenhalt und das Zusammensein der Frauen untereinander, und das damit in Verbindung stehende Ausleben der Weiblichkeit in geselliger Runde.

Seit über einem Jahr keine Auftritte und weniger Tanzkurse. Das hat natürlich auch finanzielle Folgen für dich. Wie kommst du damit zurecht?
Meine künstlerische Arbeit hat mir annähernd die Hälfte meines Einkommens gesichert. Da sie aber nicht meinen Hauptberuf darstellt, war der Erhalt einer finanziellen Stütze ausgeschlossen. Neben dem Verlust der Einnahmen war zwar auch ein Rückgang der Ausgaben zu spüren, was dabei geholfen hat, einige Monate zu überbrücken. Momentan komme ich gerade so über die Runden. Vor allem wenn plötzlich Extrazahlungen wie Autoversicherung oder die Steuerberaterrechnung ganz ungewohnt ein finanzielles Loch ins Konto reißen. 

Auch in deinem Beruf als Erzieherin bist du mit den Maßnahmen konfrontiert. Wie leicht fällt es dir, dich mit den Einschränkungen und Regeln zu arrangieren?
Da wir die meiste Zeit im Freien verbringen, sind viele der Maßnahmen relativ leicht umzusetzen. Der größte und für beide Seiten schmerzhafte Verlust, ist der wöchentliche Besuch im Senioren-Service-Zentrum Taufkirchen, der natürlich nicht mehr stattfinden darf.

Denkst du, dass die jetzt heranwachsende Generation im Verhältnis leichter mit den Maßnahmen und Regeln umgehen kann?
Ja. Sie werden damit groß. Und gerade für die Kleinsten ist das, was sie gegenwärtig erleben, Normalität.

Wie schätzt du als Erzieherin die Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder ein?
Ich befürchte, dass bei vielen Vorsicht und Angst ein stetiger Begleiter sein wird. Was außerdem bereits auf die Kinder übergeht, sind Ausgrenzungen aufgrund gefühlter moralischer Überlegenheit. Die Auswirkungen auf die weitere Entwicklung sind natürlich stark vom Elternhaus und dem weiteren engen Umfeld der Kinder abhängig. Auch wir Erzieher und Lehrer tragen hier eine große Verantwortung.

Werfen wir noch einen Blick auf den Ort. Wie nimmst du die Atmosphäre wahr, und kannst du aufgrund der Ereignisse einen Zusammenhalt der Menschen untereinander spüren?
Vor allem im letzten Frühjahr war verstärkt Herzlichkeit und Freude bei zufälligen Aufeinandertreffen im Freien mit Bekannten zu spüren. Was früher ganz normal war, wurde durch die Verbote zu etwas besonderem. Bei vielen weicht mittlerweile die Geduld, und die Kritik an den Maßnahmen nimmt spürbar zu. Was ich auf jeden Fall als positiv empfinde, ist das gegenseitige Bewerben der lokalen Geschäfte und der Gastronomie, auch seitens des Bürgermeisters. Inwieweit das angenommen wird kann ich aber nicht beurteilen.

Was würdest du dir seitens der Politik wünschen?
Mehr Weitblick hinsichtlich der Schäden, die auf kurze und lange Sicht durch die Maßnahmen angerichtet werden. Das Erkennen der nicht vorhandenen Verhältnismäßigkeit, was Schaden und Nutzen betrifft.

Inwieweit hatte das vergangene Jahr abgesehen von Arbeit und Beruf einen Einfluss auf dein Leben?
Emotional war das Jahr sehr anstrengend für mich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor so viel Wut und Aggression empfunden zu haben. Alles eine Folge des Gefühls des Ausgeliefertseins. Darauf folgte großer Frust, Trauer, Trägheit und Resignation. Mittlerweile fühle ich mich emotional stabiler. Aufkommende Frustration kann ich durch Gespräche mit engen Freunden und durch die neu entdeckte Liebe zum Yoga leichter loslassen. Oftmals fühle ich jedoch Resignation. Die anfängliche Hoffnung, bald wieder live unterrichten zu können, ist verschwunden.

Konntest du aus den Veränderungen auch etwas positives ziehen?
Ich habe ZEIT neu schätzen gelernt. Und versuche, das Beste daraus zu machen. Nehme selbst Unterricht bei bekannten Tänzerinnen, was mir auch dabei hilft, an der Stange zu bleiben. Freundschaften haben sich gefestigt, ich weiß mittlerweile, wer ein offenes Ohr für meine Probleme und Gedanken hat, und wem gegenüber ich mich anvertrauen kann. Das hilft mir sehr in schwierigen Zeiten.

In der Situation psychischer Belastungen stecken jetzt viele. Was fehlt dir am meisten?
Struktur. Soziale Kontakte. Unbeschwerte Freizeitgestaltung, wie zum Beispiel der Besuch der Gastronomie, sowie das Reisen zu Tanzfestivals und Workshops.
Was hilft dir persönlich und was möchtest du anderen als Ratschlag mit auf den Weg geben, um sich in dieser Zeit von innen zu stärken?
Zu versuchen, sich neue Strukturen aufzubauen. Der Austausch mit Menschen, die ähnliches im vergangenen Jahr erlebt haben. Neben dem Tanzen ist natürlich auch die Bewegung an der frischen Luft sehr wichtig. Und, was mich außerdem trägt, ist der Glaube daran, dass es so etwas wie Musik und Tanz immer geben wird, und zu unserem Seelenwohl beitragen kann. Kunst ist unkaputtbar.

Danke für das Gespräch.

Katis Tanzschule ist online zu finden unter: www.katishirin.de

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